Mädchen und deren besondere Situation auf der Flucht darf bei der ganzen Diskussion und in den Fortbildungen nicht vergessen werden

17.09.2015 – Geflüchtete Mädchen und junge Frauen sind oft wie unsichtbar. Obwohl gerade sie besondere Begleitung bräuchten, sagt Michael Fähndrich von der Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit (BAG EJSA).
Michael Fähndrich, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit
Michael Fähndrich ist Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit

Unter den tausenden Flüchtlingen, die zurzeit nach Deutschland kommen, sind auch viele Minderjährige, die ihren familiären Anschluss unterwegs verloren haben oder von Anfang an ganz allein waren. Wie viele von ihnen sind weiblich?
Michael Fähndrich: Generell kommen deutlich weniger allein reisende minderjährige Mädchen als unbegleitete junge Männer. Von den rund 11.600 Kindern und Jugendlichen, die allein 2014 ohne Begleitung einer sorgeberechtigten Person über die Grenze nach Deutschland kamen, waren 10.500 männlich (90 %). Dagegen reisten nur etwa 1.100 Mädchen unbegleitet nach Deutschland, wie aus den aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts hervorgeht. Bei den derzeitigen hohen Zuzugszahlen müssten es dennoch etliche tausend Mädchen sein, die ohne Familienangehörige hierher nach Deutschland kommen.

Warum stellen Mädchen die Kinder- und Jugendhilfe vor besondere Herausforderungen?
Fähndrich: Herausfordernd sind die besonderen Erlebnisse, die vor allem die allein reisenden Mädchen während der Flucht, aber auch schon davor hatten. Oft haben sie traumatische Erfahrungen von sexueller Gewalt und Fremdbestimmtheit hinter sich. Leider gibt es für diese Flüchtlingsmädchen in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe zu wenig ausreichend geschultes weibliches Personal.
Mädchen, die im Familienverbund reisen, werden von ihren Verwandten häufig sehr stark abgeschirmt und beschützt. Sie sind oft unauffällig bis unsichtbar. Wenn sie dann in Kontakt mit der Kinder- und Jugendhilfe kommen, entsteht zum einen ein kultureller „Clash“, der für die Mädchen nur schwer zu verarbeiten ist. Außerdem ist ihnen der Kontakt zu fremden Männern nicht vertraut. Um sie nicht zusätzlich zu verunsichern, empfehlen wir eine ausschließliche Begleitung durch weibliches Personal.

Wie sollen diese speziellen Angebote für die Betreuung von geflüchteten Mädchen konkret aussehen?
Fähndrich: Wir brauchen mehr Fachpersonal in der Kinder- und Jugendhilfe, aber auch in Medizin und Psychiatrie, also speziell geschulte weibliche muttersprachliche Therapeutinnen und Ärztinnen. Insofern besteht derzeit und sicher in den kommenden Jahren ein riesiger Bedarf an Fort- und Weiterbildung.
In den Sprachkursen und Beratungs- und Freizeitangeboten müssen die jungen Frauen unter sich sein (dürfen). Mädchenarbeit muss niedrigschwellig, familienorientiert und vor allem parteiisch sein, geschlechter- und traumasensibel vorgehen und die gut funktionierenden Netzwerke von Fachkräften in den Kommunen oder der Region auch tatsächlich nutzen. Passgenaue Bildungsangebote müssen auf die spezifischen Orientierungsschwierigkeiten der Mädchen Rücksicht nehmen und ihnen eine berufliche Qualifizierung ermöglichen.
Dies alles betrifft die allein reisenden Mädchen ebenso wie diejenigen im Familienverbund. Die Arbeit mit Mädchen im Familienverbund muss allerdings die kulturellen Hindernisse zwischen Herkunftsgesellschaft, Herkunftsfamilie und aufnehmender Gesellschaft besonders beachten. Jüngere, auch weibliche Familienmitglieder gewöhnen sich manchmal schneller an die Werte, Normen und Traditionen unserer modernen westlichen Gesellschaft als ihre älteren oder männlichen Verwandten, was zu größeren Problemen innerhalb der Familien führen kann. Oft wäre hier eine aufsuchende Familienarbeit sinnvoll, die jedoch mit muttersprachlichen Fachkräften – am besten mit ähnlichem kulturellen Hintergrund – geleistet werden sollte.

Redaktion: Diakonie/Ulrike Pape

Kategorie Allgemein

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